27.01.2009

4. Sonntag im Jahreskreis B - 01.02.2009

Dtn 18,15-20
1 Kor 7,32-35
Predigt zum Evangelium:
Mk 1,21-28




Evangelium Mk 1, 21-28

Er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat

In Kafarnaum ging Jesus am Sabbat in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlaß ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.

Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.


MITTWOCHSGEDANKEN ZUR SONNTAGSPREDIGT


Jesus spricht ein Machtwort


Das haben wir alle schon erlebt. Man selbst oder ein Familien-

mitglied hat einen ganz schlechten Tag. Vieles geht schief, und die Laune nähert sich rasant dem Nullpunkt. Man wird für die anderen ungenießbar. In einer solchen Situation kann man schon mal zu hören bekommen: „Du bist ja heute so verdreht! Was ist denn bloß in dich gefahren?“

Ja, unsere Sprache macht es deutlich: Das ist doch nicht der Mensch, den ich so schätze! Was ist auf einmal mit dem los?

Er verhält sich so anders, so fremd, so aggressiv. Was ist bloß in ihn gefahren? Was steuert ihn in diesem Moment? Was beeinflusst ihn dermaßen, dass er oder sie so ausrastet?


Von diesem Phänomen sind auch nicht nur wir betroffen. Der als temperamentvoll bekannte Apostel Paulus zum Beispiel musste das auch schmerzlich erleben. Im Römerbrief hat er geschrieben (7,15): „Ich begreife mein Handeln nicht: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse.“


Wir modernen Menschen haben dank der Wissenschaft in vielen Fällen bald eine Erklärung parat. Wenn jemand dauerhaft „neben der Spur läuft“, dann ist er oder sie vielleicht total überfordert und erlebt eine Art Zusammenbruch, einen „burnout“, wie man heute sagt. Oder bei jemand stimmt einfach die Chemie nicht. Irgendwelche Boten-

stoffe im Gehirn oder Hormone sind in Unordnung geraten. Häufig kann die moderne Medizin das mit allerlei Pillen und Therapien wieder in den Griff bekommen. Doch selbst heutzutage gerät die Medizin an die Grenzen ihres Könnens und kann sich manche Krankheitsbilder noch nicht so recht erklären, geschweige denn sie erfolgreich heilen.


Im heutigen Evangelium begegnen wir auf ganz eindringliche Weise dem mächtigen Heiler, der das kann. Jesus kann alle Krankheiten heilen und er tut es auch, wie die Bibel es an vielen Stellen belegt.

Am vorigen Sonntag haben wir gehört, wie Jesus die ersten Jünger auswählte, die er gleich von ihrer Arbeit als Fischer wegholte. Heute, in der sofort anschließenden Bibelstelle, geht er mit ihnen in seinem Wohnort Kafarnaum in die Synagoge.

Es ist Sabbat. Die jüdische Gemeinde ist gerade im Gotteshaus zum Gebet und zur Schriftlesung versammelt. Jeder durfte nach Absprache mit dem Gemeindeleiter das Wort ergreifen, um die Heilige Schrift auszulegen. Davon macht Jesus Gebrauch. Offenbar lehrt er mit großer Überzeugungskraft, denn im heutigen Evangelium heißt es: „Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“


Das Wort Voll-

macht kennen wir. Mit der Vollmacht eines anderen können wir Geschäfte tätigen und verbindliche Erklärungen in dessen Namen abgeben. Mit einer Konto-Vollmacht sind wir über das Konto einer Person mit verfügungsberechtigt. Jesus lehrt wie einer, der Vollmacht hat, göttliche Vollmacht. Er allein lehrt mit göttlicher Autorität.

Jesus hat die Zuhörer in der Synagoge von Kafarnaum so sehr gepackt, dass sie sehr betroffen waren, heißt es. Das Wort „betroffen“ kann man dabei auch mit „erschreckt“ übersetzen. Das heißt, durch die Schrifterklärung Jesu wurde den Menschen mit einem Schlag bewusst, wie lebendig Gottes Wort ist und wie engstirnig sie es manchmal betrachtet hatten.

Die Schriftgelehrten hatten sich mit ihren Auslegungen sicher Mühe gegeben, aber sie klebten an Buchstaben und Sätzen, an Vorschriften und Geboten. Was Jesus nun genau gepredigt hat, ist leider nicht aufgeschrieben. Wahrscheinlich ging es aber um eine Liebesbeziehung, nämlich um die zwischen Gott und den Menschen.


Jesus bekommt schon einen Augenblick später die Gelegenheit, seine Schriftauslegung in der Synagoge praktisch zu ver-

anschaulichen. Wie das Evangelium berichtet, sitzt dort ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen ist.

Das ist schon aufschlussreich: Dieser leidgeprüfte Mann sitzt in der Synagoge, unter den Frommen und Schriftgelehrten, wahr-

scheinlich irgendwo in einer Ecke. Offenbar finden das alle „normal“, und niemand nimmt ihn sonderlich zur Kenntnis. Man geht zur Tagesordnung über und verrichtet die vorgeschriebenen Gebete. Alles geht seinen geordneten Gang. Man lässt sich bei der Ausübung seiner Religion nur ungern stören.

Der Erkrankte hat eben Pech gehabt, und womöglich findet sich in seinem Leben oder in dem seiner Eltern eine Erklärung für diese Strafe, die auf seinem Leben lastet.


Jesus sieht das ganz anders, er sieht diesen Mann ganz anders. Er sieht nicht nur die Spitze des Eisberges, den Mann, der da sitzt und nicht stören darf. Jesus allein sieht viel tiefer, er sieht den gesamten Menschen. Er sieht sein heulendes Elend, sein jahrelang getragenes Leid, seine Selbstvorwürfe, doch irgendwie an seinem Schicksal schuld zu sein. Er sieht seinen stummen Schrei nach Zuwendung und Hilfe. - Es hat den Kranken sicher alle Kraft gekostet, in der Synagoge aufzu-

tauchen. Er weiß, wie hinter seinem Rücken über ihn getuschelt wird.

Dieser Mann ist ein Gefangener. Er ist unberechenbar in der Gewalt anderer, hat keine Gewalt mehr über sich selbst.

In unserer modernen Sprache würden wir vielleicht sagen, er ist wie ferngesteuert oder wie von Banditen entführt, kraftlos, willenlos, hoffnungslos. Jederzeit und im Zeitpunkt nicht kalkulierbar kann er wieder von seiner Krankheit drangsaliert und hin- und hergerissen werden.


Aber was ist da bloß in ihn gefahren? - Als Jesus in seine Nähe kommt, wird das offensichtlich. Allein die Nähe Jesu wirkt für die Besatzungsmächte dieses Kranken so bedrohlich, dass sie heftige Reaktionen zeigen. Es schreit laut aus dem Mann heraus, wie die Warnung eines in die Enge getriebenen Wesens: "Hau bloß ab, komm mir nicht zu nahe!"

Im Evangelium ist das so formuliert: „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen?“

Jesus und die Menschen in der Synagoge hören also, dass da Kräfte am Werke sind, die keineswegs dumm sind. Im Gegen-

teil, sie sind bestens informiert. Jesus wird ganz korrekt mit „Jesus von Nazaret“ angesprochen.


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