03.11.2009

32. Sonntag im Jahreskreis B - 08.11.2009

1 Kön 17,10-16
Hebr 9,24-28
Predigt zum Evangelium:
Mk 12,38-44




Evangelium Mk 12,38-44
In jener Zeit lehrte Jesus eine große Menschenmenge und sagte: Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. Sie bringen Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.
Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluß hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.



MITTWOCHSGEDANKEN ZUR SONNTAGSPREDIGT


Reiche arme Witwe


Wir alle kennen das aus der Zeitung:
Ein großes Foto zeigt einen edlen Spender, vielleicht von einer Bank oder einer namhaften Firma, der händeschüttelnd einer sozialen Organisation eine über-
dimensionale Kopie eines beachtlichen Schecks überreicht. Aus dem Fernsehen sind uns Bilder präsent, wie Prominente sich bei einer Wohltätigkeits-Gala ins Zeug legen und telefonisch eifrig die Spenden notieren. Unten im Bild sieht man dann meistens ein Laufband mit Namen und Summen von Spendern, während ein großes Showprogramm die Fernsehzuschauer am Umschalten hindern soll.

Auch das Überreichen von Millionen-Spenden wird gerne vor laufender Kamera zelebriert. Gerade in schwierigen Zeiten ist es erfreulich, dass die Bereitschaft zum Abgeben, zum Teilen nicht nachgelassen hat. Die Spenden-Manager wissen jedoch, dass man schon viele Register ziehen muss, damit die Menschen ihr Herz und ihren Geldbeutel öffnen. Besonders wirksam ist es, den Menschen möglichst viele Vorbilder zu zeigen, also Menschen, deren großzügige Spende zur Nachahmung ermuntern soll.

Und damit sind wir schon mitten im Geschehen des heutigen Evangeliums. In dem riesigen Gelände des Jerusalemer Tempels befinden wir uns im sogenannten Vorhof der Frauen, den nur die Juden betreten dürfen. Von dort aus dürfen die israelitischen Männer weitergehen in den Vorhof der Männer. Jesus ist mit seinen Jüngern auch im Tempelbezirk ange-
kommen. Es ist die letzte Station vor seinem Leiden und Sterben.

Die ständigen Aus-
einandersetzungen mit Schriftgelehrten und Pharisäern haben Jesus große Enttäuschungen bereitet. Immer wieder haben sie ihm Steine in den Weg gelegt. Paragraphenreiter sind die meisten von ihnen, denen die Botschaft Jesu sehr missfällt. Allein schon die Tatsache, wie Jesus mit dem Sabbatgebot umgeht, macht ihn in ihren Augen zum Gotteslästerer.

Jesus seinerseits warnt die Menschen immer wieder vor solchen frommen Scheinheiligen, die anderen Wasser predigen und selber nur Wein trinken. Die Menschen hören ihm sehr aufmerksam zu, wenn er den Schriftgelehrten z.B. vorhält, dass sie ständig in ihren langen Gewändern umher-
gehen, um nur ja von jedem erkannt und gegrüßt zu werden. Sie sorgen schon dafür, dass sie selbst nirgendwo zu kurz kommen.
Sogar vor den Witwen, den Ärmsten der Armen, machen sie nicht Halt. Anstatt diesen beizustehen und ihnen bei Aus-
einandersetzungen zu ihrem Recht zu verhelfen, nutzen sie diese aus und kassieren oft genug als Lohn für ihre Be-
ratungstätigkeit noch deren einfache Häuser, den einzigen Besitz. Dann stehen diese Frauen buchstäblich auf der Straße. Die Einheitsübersetzung formuliert es fast zurück-
haltend: „Sie bringen Witwen um ihre Häuser…“
Bei wörtlicher Übersetzung dieser Stelle erkennt man besser ihre Gier. Es heißt dort eigentlich: „Sie fressen die Häuser der Witwen…“ – Ja, wer arm ist, der ist wirklich arm dran!

Solche Schriftgelehrten sind nur Schauspieler, denn sie machen ihren Mitmenschen etwas vor. Sie spielen frommes Theater. Ihr Herz hängt am eigenen Geldbeutel und Ansehen, aber nicht an Gott. Jesus macht keinen Hehl daraus, dass Gott sie dafür zur Rechenschaft ziehen wird.

Doch heute, kurz vor seinem Leiden, darf Jesus auch das genaue Gegenteil eines solchen heuch-
lerischen Verhaltens erleben, wie uns das Evangelium schildert. Jesus ist mit seinen Jüngern im Vorhof der Frauen eingetroffen. Dort setzt er sich irgendwo in der Nähe der Opferkästen nieder und sieht dem Treiben eine ganze Weile zu. Dreizehn verschiedene Opferkästen stehen dort, je nach dem vorgesehenen Verwendungszweck.

Es ist Ehrensache für jeden Juden, mindestens den Zehnten seiner Einkünfte zu spenden. Die Spenden werden nicht nur für soziale Zwecke verwendet, sondern auch für den teuren Tempelbetrieb, für die Priester, für goldene Gefäße und den Erhalt der Bau-Substanz.
Am Tempel war nämlich in unglaublich großen Mengen echtes Gold verarbeitet worden, denn dieses so prächtige Haus Gottes sollte verstehen helfen, wie prächtig und herrlich Gott selbst ist.

Die frommen Besucher kommen in einer Reihe nach und nach zu den Priestern nach vorne, die an den Opferkästen Dienst tun. Aus den Spenden wird keine Geheimniskrämerei gemacht, ganz im Gegenteil: Man tritt an den Priester heran und gibt ihm vor den Augen der anderen das Geld. Nun fragt der Priester laut und deutlich hörbar, wofür der Betrag verwendet werden soll. Ebenso laut und deutlich hat man zu antworten. Dann prüft der Priester das Geld, ob es überhaupt im Tempel zugelassenes Geld ist, wiederholt laut die Summe, und erst dann darf es in den passenden Kasten eingeworfen werden. Sicher motiviert die Öffentlichkeit und Unüberhör-barkeit dieses Vorgangs manch einen zu einer besonders großzügigen Gabe - also nicht ungeschickt gemacht, das Ganze, fast schon wie im Fernsehen.

Wie schon bei der eingangs erwähnten Wohltätigkeits-Gala unserer Zeit gibt es auch hier im Tempel schon besonders große Spenden. In diesem Falle wird der edle Spender besonders gewürdigt, indem seine Tat im Tempel hinaus-
posaunt wird, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Auf ein Zeichen des Priesters hin ertönen durchdringend die sogenannten Schofar-Hörner, und die Summe wird im Beisein des Spenders lautstark ausgerufen.

Jesus betrachtet sich dieses Schauspiel und staunt sicher nicht schlecht über die anerkennenswerte Großzügigkeit mancher Reicher, die sich wirklich nicht lumpen lassen. Allerdings weiß Jesus auch, dass diesen Leuten ihr Opfer nicht wirklich wehtut und ihnen wohl kaum eine schlaflose Nacht bereiten wird. Sie geben gerne, aber sie geben wohl-
dosiert, sie geben von ihrem Überfluss so viel ab, wie sie Gott eben zugestehen wollen...

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